Kleine Philosophie der Selbstorganisation

Niemand hat das Recht zu gehorchen – mit diesem Statement rief Hannah Arendt einst zu zivilem Ungehorsam auf. Ein Blick in zeitgenössische Organisationen zeigt, dass dieser Ruf nun auch in der Arbeitswelt Gehör findet:

  • Fachkräfte wehren sich gegen die Bevormundung durch Vorgesetzte, die ihnen sagen, was sie zu tun haben;
  • Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen sich gegen bürokratische Richtlinien, die mehr behindern als unterstützen;
  • Interdisziplinäre Teams steuern sich selbst statt den Einsatzbefehlen eines hierarchischen Managements zu folgen;
  • Autonome Organisationseinheiten übernehmen die gesamte Geschäftsverantwortung.

Kurzum: in manchen Unternehmen wird die traditionelle Ordnung gerade gehörig ins Wanken gebracht. Wo soll das noch hinführen?, fragt sich so mancher besorgt.

Statt uns vor Anarchie zu fürchten, könnten wir in dieser Entwicklung ein gestärktes unternehmerisches Selbstbewusstsein sehen, in dem Commitment und Ownership mehr sind als nur Wunschdenken. Sobald Menschen in ihrem Wissen und Können respektiert, mit arbeitsrelevanten Entscheidungsbefugnissen ausgestattet und nicht nur als gehorsam Ausführende, sondern auch als kreative Gestalter eingesetzt werden, übernehmen sie gerne Verantwortung.

Wie von Zauberhand geleitet, gehen sie motivierter an die Sache, erleben ihre Arbeit als wertvoller und erzielen bessere Ergebnisse für Kundinnen, Klienten und Stakeholder.
Wer es gerne philosophisch hat, kann in selbstorganisierten Unternehmen jenes klassische Aufklärungskonzept verwirklicht sehen, das Immanuel Kant der Neuzeit mit auf den Weg gegeben hat: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.«